Bürgermeister Andreas Bukowski mit dem Herausgeber des Haarer Stadt Echos Heiko Schmidt.
Gestern Gemeinde, jetzt Stadt
Wie jedes Jahr trafen sich der Herausgeber des Haarer Stadt Echos Heiko Schmidt und Journalistin Manuela Praxl mit Bürgermeister Andreas Bukowski zum ausführlichen Jahresgespräch. 2025 ist es genau einen Tag vor Haars Stadterhebung, also dem letzten Tag als Gemeinde. Gleichzeitig beginnt für den Rathauschef das letzte Jahr seiner Amtszeit vor den nächsten Kommunalwahlen. Zeit für einen Rück- aber auch Ausblick.
> Vor einem Jahr sprachen Sie darüber, wie sehr Sie die Stadterhebung freuen würde. Was geht Ihnen jetzt durch den Kopf? Sind sie ein wenig aufgeregt oder ganz gelassen?
Es ist etwas ganz Besonderes. Von der ersten Idee nach dem Beschluss des Gemeinderats bis zur Ausarbeitung vor etwa zwei Jahren, ist es nun wirklich soweit. Inzwischen weicht die Aufregung der Freude. Die Rechte und Pflichten ändern sich nicht, aber es ist doch etwas Bedeutendes, denn es geht um einen Titel, mit dem viele etwas Besonderes verbinden. In Haar ohnehin, da es eher städtisch geprägt ist. Ein paar Veränderungen gibt es doch: zum Beispiel sichtbar auf der Website oder die Dinge, die im Geschäftsverkehr eine Rolle spielen, wie die E-Mail-Adresse, das Siegel und der Stempel. Im Hintergrund haben die Mitarbeiter alles optimal bis ins letzte Detail vorbereitet. Uns ist aber vollkommen bewusst, dass wir immer wieder hier und dort feststellen werden: „Da steht immer noch Gemeinde.“ Wir ändern aber nicht alles auf einmal, es wäre wirtschaftlich nicht vertretbar. So bleibt zum Beispiel die Arbeitskleidung, auf der „Gemeinde Haar“ eingestickt ist. Unser Logo ändert sich nicht, Gemeinde wird einfach gegen Stadt ausgetauscht. Die neuen Ortsschilder sollen zum Stichtag stehen, die ehemaligen wollen wir an einem bestimmten Tag versteigern. Aber offensichtlich haben sich hier vorab Leute bedient, sprich sie gestohlen. Die Bürgermeisterkette war ohnehin renovierungsbedürftig und glänzt jetzt frisch mit einer Stadtmedaille.
> Gibt es im Zusammenhang mit der Stadterhebung eine kleine Anekdote?
Einige fragten nach Änderungen, ob Haar eine neue Vorwahl bekommt oder ich als Bürgermeister mehr verdienen würde. Das ist übrigens nicht so, weil der Verdienst an die Einwohnerzahl gekoppelt ist. Es gibt auch kein neues Kfz-Kennzeichen, wir bleiben kreisangehörig. Aber es kam eine E-Mail von Professor Ralf Borchert (Initiative Kennzeichenliberalisierung), der das Thema angeleiert hat. Ich habe das zunächst gar nicht ernst genommen, doch es stößt auf reges Interesse bei inzwischen über 100 Kommunen. Eine Prüfung vom Verkehrsministerium scheint zumindest in Bayern nicht unwahrscheinlich. Das ist insofern lustig, weil ich den Bürgern erklären müsste, doch ein eigenes Kennzeichen zu bekommen, was aber mit der Stadterhebung nichts zu tun hat.
> Es hat nun die letzte Phase Ihrer Amtszeit begonnen. Rückblickend: Was hat sich für Sie erfüllt, was wurde übertroffen und an welchen Stellen müssen Sie noch Gas geben?
Aber das war für den Gemeinderat wohl eine Stufe zu früh oder wäre irgendwie ein zu großer Schritt gewesen. Aus meiner Sicht war die Entscheidung des Gemeinderats definitiv ein Fehler, weil wir viel Zeit verloren haben. Interessanterweise greifen nun einige Leute die Idee von diesem Konzept wieder auf. Mir wäre es lieber gewesen, wenn wir schon vor drei Jahren ein einheitliches Konzept für die ganze Fläche gefunden hätten, dann wären wir weiter bei der Gewerbeentwicklung, denn wir brauchen die Einnahmen dringend. Wir haben nach wie vor ein „strukturelles Defizit“, das sich fortsetzen wird, wenn sich in den nächsten Jahren an der Einnahmensituation nichts ändert. Wir sind groß und haben entsprechende Ausgaben. Aber es ist so, wie es ist. Deswegen werden wir in den nächsten Monaten das Projekt voranbringen. Ich hoffe in diesem oder im nächsten Jahr Ansiedlungen auf den Weg bringen zu können, sodass spätestens 2030 auf dieser Fläche Gewerbesteuer fließen kann.
> Wollen Sie nach wie vor eine zweite Amtsperiode? Und wenn: Was wird anders laufen?
Ja, ich möchte weitermachen. Es sind viele Projekte, die angestoßen wurden, vor allem will ich uns wirtschaftlich-finanziell voranbringen. Wir sind definitiv auf einem guten Weg. Die Wirtschaftsförderung, die wir seit drei Jahren implementiert haben, arbeitet sehr ziel- und erfolgsorientiert , sie hat sich langsam aufgebaut und zeigt Wirkung. Wir haben dieses Jahr in Haar unseren großen Wirtschaftskongress „Circular Summit“. Gemeinsam mit der Stadterhebung soll das einen positiven Impuls setzen, für mehr Sichtbarkeit sorgen und in letzter Konsequenz auch der Gewerbeentwicklung dienen. Das wird sich definitiv in die nächste Amtsperiode hineinstrecken, also insofern würde ich gerne weitermachen. Ich habe mich in den Jahren entwickelt und Erfahrungen machen dürfen, die mich weitergebracht haben und die definitiv mein Fell etwas dicker haben werden lassen. In einer nächsten Amtsperiode würde ich bestimmte Dinge anders anpacken, zum Beispiel wenn es Konflikte im Gemeinderat gibt. Es bewahrheitet sich, was mir mein Amtskollege aus Grasbrunn mit auf den Weg gab: „Die ersten sechs Jahre brauchst du, um reinzukommen.“ Ganz so war es bei mir nicht, aber es stimmt definitiv, dass die heutigen Erfahrungen und das Wissen von großem Nutzen sind.
> Ihr zweiter wichtiger Wunsch bezog sich auf die Verbesserung der Einnahmesituation. Daran werden Sie sich messen lassen müssen. Sie haben angesprochen, wie schwierig es ist, zahlungskräftige Gewerbesteuerzahler zu finden und an Haar zu binden. Vor einem Jahr sagten Sie: „Von mir aus kann sich auch etwas überraschend und spontan ergeben, manchmal darf auch der Zufall helfen.“ Hat sich etwas ergeben?
Es ist ja nicht so, dass sich gar nichts bewegt hätte, nicht zuletzt durch die Arbeit der Wirtschaftsförderung. Hier können wir langsam einen Anstieg verzeichnen, aber es reicht noch nicht, auch nicht, wenn man ein „bissl“ umgestaltet oder modernisiert. Selbst wenn sich im ehemaligen MSD-Gebäude neue Unternehmen angesiedelt hätten, wären sofortige Millioneneinnahmen nicht garantiert gewesen. Es geht auch um die Vielfalt, die wir uns in Haar auf die Fahne geschrieben haben, auch beim Gewerbe. Büroflächen sind aktuell nicht gefragt, es geht eher um Montage und Fertigung leichter Produktion, nichts, was irgendwie raucht und stinkt. Unternehmen aus der Medizin- oder Digitaltechnik suchen und da brauchen wir definitiv neue Flächen und ein neu ausgewiesenes Gewerbegebiet. Ich denke, dass die Leute sehen oder gesehen haben, was wir in den letzten Jahren versucht haben voranzubringen und wer gebremst hat. Wenn wir die aktuellen Zahlen nehmen, haben wir uns um 1,5 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr verbessert. Eine optimistische Einschätzung der Gewerbeentwicklung, die weiter nach oben geht, bei steigenden Kosten, zeigt in der mittleren Finanzplanung, dass unsere Rücklagen über die Jahre weniger werden und das müssen wir stoppen. Es geht bergauf, aber um über den Berg zu kommen, brauchen wir einfach mehr Einnahmen, die nur mit neuen Flächen zu erzielen sind. Oft wird jedoch alles an den großen Unternehmen festgemacht. Aus meiner Sicht sind genauso Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe und Ladengeschäfte wichtig. In der Nahversorgung sind wir in Haar gut aufgestellt, was Lebensmittel und den täglichen Bedarf betrifft. Hier hat sich auch einiges zum Positiven entwickelt, wie man an der neuen, hochmodernen Rossmann-Filiale sehen kann.
> Der Drogeriemarkt ist aus der Leibstraße weggezogen. Wie ist generell dort der Stand?
Der Umzug der Rossmann-Filiale hat uns vor eine Herausforderung gestellt. Die frei gewordene Fläche war nicht einfach zu vermarkten. Umso mehr hat es uns gefreut, dass sich hier ein kleiner Supermarkt ansiedelt, der im März eröffnen will. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir die Leibstraße als Einkaufsstraße zukunftsfähig machen müssen, also mehr Aufenthaltsqualität schaffen durch eine Mischung aus Ladengeschäft und Gastro. Das umzusetzen ist nicht so einfach, zumal es die einen noch verkehrsberuhigter wollen, andere fordern möglichst viele Parkplätze. Das Charmante an dem jetzigen Entwurf zur Umgestaltung ist die maximale Flexibilität. Die Straße wird so gestaltet, dass wir Parkplätze nach Bedarf festsetzen können. Wenn beispielsweise ein Ladengeschäft wechselt, kann ich nach Bedarf Parkplätze wegnehmen, weil dort vielleicht ein Schanigarten hinsoll. Bauliche Veränderungen an der Straße sind dann überflüssig. Ganz wichtig ist uns das „Schwammstadt-Prinzip“. Das wollen wir umsetzen, denn es hilft bei größeren Starkregen-Ereignissen, da die Flächen stark versiegelt sind. Durch die deutlich bessere Begrünung wird es schöner fürs Auge.
> Sie mussten an verschiedenen Stellen den Rotstift ansetzen, wo steht Haar jetzt?
Wir haben vor allem innerhalb unserer Prozesse geschaut, was wir verbessern können, also das Budget sehr viel knapper kalkuliert. Das geht nicht ewig so, man kann hier und dort sparen, das beruht letztlich jedoch auf der Hoffnung, dass Dinge weiter funktionieren. Bestes Beispiel sind die Bäder. Momentan verfügen wir noch über ein recht gutes Rücklagenpolster im zweistelligen Millionenbereich, aber es kommt auf die Jahresrechnung an. Die werden wir wahrscheinlich im März haben. Ein Beispiel ist hier auch der Radweg an der Bahn, den wir relativ rasch umsetzen wollten. Die Bahn hat uns allerdings gebremst, da sie vor 2028 nicht sagen könne, wie sich die Digitalisierung der Schiene auswirkt. Sie wissen nicht, ob sie vom Versorgungsweg noch Teile brauchen. Wir haben das Geld eingeplant, daher wird die Jahresrechnung erstmal besser aussehen, beziehungsweise bleiben mehr Rücklagen übrig, denn die Gelder sind nicht wieder eingestellt. Wir werden sie erst 2028 benötigen. Die Rathausverwaltung wie das Einwohnermeldeamt, Standesamt, die Friedhofsverwaltung, das Ordnungsamt und die Verwaltung hinter der Kinderbetreuung, ist nahezu gar nicht gewachsen, obwohl wir Tausende Einwohner mehr versorgen müssen. Es ist ein tolles Team mit guter Führungsmannschaft, das funktioniert. Daher rechnen wir nicht mit großen Kostenzuwächsen. Dennoch müssen wir als Kommune regional notwendige Tariferhöhungen schultern. Wenn Erhöhungen von ein paar Prozent kommen, dann sprechen wir von einer siebenstelligen Belastung, die uns trifft. Letztes Jahr hatten wir außerdem einen Sonderfall. Das unglaubliche Defizit von über 30 Millionen entstand, weil wir die Kreisumlage, die bekanntlich zwei Jahre zeitversetzt kommt, bezahlen mussten. Auf der anderen Seite hatten wir großes Glück, weil eine unerwartete Nachzahlung reingeschneit kam, die unsere Rücklage aufgestockt und uns Luft verschafft hat. Trotzdem mussten wir für einen genehmigungsfähigen Haushalt den Rotstift ansetzen. Es nützt nichts zu sagen „jeder bekommt“, wenn ich dann den Haushalt nicht genehmigt bekomme. Im vergangenen Jahr mussten Vereine oder die VHS mit den Kürzungen umgehen, dieses Jahr haben wir keinerlei Kürzungen vorgenommen. Deshalb finde ich es interessant, weil immer wieder kolportiert wird, die VHS hätte mit Kürzungen zu kämpfen gehabt. Das ist in diesem Jahr nicht der Fall. Allerdings müssen wir genau hinschauen, weil die VHS nun mal mit Abstand unser größter Zuschussempfänger ist. Es sind Bedingungen daran gekoppelt, ein entsprechendes Konzept, bezogen auf die nächsten fünf Jahre, auszuarbeiten. Es geht nicht darum, den großen Rotstift anzusetzen, sondern um konkrete Überlegungen, wie die Einkommenssituationen oder Ausgabensituationen gestaltet werden kann, um langfristig von dem hohen Zuschussbedarf herunterzukommen. Das bedeutet nicht, die Kursgebühren exorbitant zu erhöhen, sondern realistisch anzupassen. Es gibt bereits Bestrebungen, wie man das Angebot noch besser vermarkten kann und das ist der Auftrag. Wir wollen das mit der VHS gemeinsam angehen und ich bin guter Dinge, dass wir das hinbekommen werden.
> In den vergangenen Jahren ging es immer wieder um Projekte wie die Neugestaltung der Leibstraße, das Jugendzentrum DINO, Busbahnhof, einen Schulcampus. Wie ist der aktuelle Stand dieser Projekte?
Die Leibstraße müssen wir machen, weil wir dort auch entsprechende Förderungen angemeldet haben, sonst verfallen sie wieder. Beim Busbahnhof sieht man, dass sich die X Buslinien großer Beliebtheit erfreuen. Dann haben wir zwei neue Kindertagesstätten, die eigentlich Erweiterungen von temporären Gebäuden sind. Wir wachsen sehr stark und haben entsprechend mehr Kinder zu versorgen und zu betreuen. Zwei Projekte, die nicht zu den freiwilligen Leistungen gehören, wie das Jugendfreizeitheim Dino. Das wartet seit vielen Jahren, hier wollen wir ein innovatives Projekt machen. Das ist für die Jugend sehr wichtig, dazu kommen weitere Projekte bei den kommunalen Liegenschaften, die vom Sanierungsstau betroffen sind. Wir benötigen ein neues Feuerwehrhaus und die Gemeindewerke brauchen eine Sanierung oder einen Neubau, kurz: es ist viel zu machen. Daher bin ich wieder bei den Einnahmen: Ohne die wird es nicht gehen. Insofern sind Projekte, die wir uns vorgenommen haben, nicht sicher. Wir müssen die Jahresrechnung abwarten und schauen, wie viele Millionen am Ende übrigbleiben und dann gemeinsam entscheiden, welches Projekt wir zusammenpacken wollen.
> Sie hatten im vergangenen Jahr eine umfangreiche Fahrbahnsanierung der B 304 im Ortsbereich für 2025 angekündigt. Wie sieht es dort allgemein aus?
Für 2026 ist angekündigt, dass die B 304 eine neue Fahrdecke erhalten soll und im Zuge dessen auch der ganze Parkraum neu geordnet wird. Die LKW sollen Stellplätze haben, wo sie weniger störend sind. Die Ampeln werden behindertengerecht, vor allem sehbehindertengerecht umgebaut. Und dann geht es um das große Thema Geschwindigkeit. Bis zur Stadtgrenze sind es bisher Tempo 50 und auf der B 304, der Wasserburger Landstraße, Tempo 60. Da können wir mit einer Änderung rechnen. Die Fahrbahndeckensanierung dauert in der Regel nicht lange, sie es ist halt umfangreich. Es könnte für die Hauptverkehrsader schwieriger werden Umleitungen für die 30 000 Autos finden, aber es hilft nichts: für ein paar Wochen wird es unangenehm werden.
> „Nein zur Phase II“ – Bei einer Veranstaltung haben sich Anwohner der Tannenhofsiedlung gegen die aktuelle Planung der Gemeinde, weitere Flächen der Finckwiese als Gewerbegebiet zu erschließen, gewehrt. Können Sie die Planung bzw. den aktuellen Stand kurz umreißen?
Ich hatte den Eindruck, dass es eher um die Unsicherheit geht, was mit der Fläche passieren wird. Das Grundstück weckt seit den sechziger Jahren immer wieder Begehrlichkeiten. Es war bereits ein riesiges Wohngebiet geplant. Von den sechziger bis in die achtziger Jahre gab es diese Idee, das sieht man am Flächennutzungsplan. Meine Idee von 2021 sah vor, die ganze Fläche auf den Weg zu bringen. Das wollte der Gemeinderat nicht. Jetzt steht der zweite Teil der Fläche, also die südliche, nicht zur Debatte. Es geht zunächst nur darum, ein Gewerbegebiet auszuweisen und nicht darum, wie das baulich aussehen wird. Wenn aber Ansiedlung generiert werden soll, muss man sich schon Gedanken über die bauliche Gestaltung machen, wie es am Ende aussehen soll. Das wird interessant, weil dann auch die Bürger gefragt sind. Leider müssen wir das Pferd von hinten aufzäumen, weil wir zu Beginn kein fertiges Konzept erarbeitet haben, sondern im Grunde erstmal die Nutzung, also die Gewerbeansiedlung, im Vordergrund steht. Es ist zu spüren, dass Interesse besteht die Fläche möglichst verträglich und gut zu bebauen. Man wird nicht alle Wünsche erfüllen können, aber es besteht die Möglichkeit, nicht irgendein Industriegebiet zu gestalten, sondern ein Gebiet, von dem sichtbar wird, dass sich jemand Gedanken gemacht hat.
> Bei der Betreuung der Kinder gibt es wohl 2025 keinen Mangel an Krippenplätzen. Anders sieht es bei den Kindergartenplätzen aus. Prognosen sagen hier wegen des Mangels an Fachkräften eine Bedarfslücke von rund 130 Plätzen voraus. Erst ab 2027 soll sich die Lage entspannen. Was macht Haar, um diese Betreuungslücken zu schließen?
Es ist tatsächlich so, dass die Situation für Krippenplätze besser aussieht als bei den Kindergärten. Nach wie vor können einige Einrichtungen nicht alle Plätze, die baulich vorhanden sind, wegen des fehlenden Personals nutzen. Da muss man schauen, ob man in den nächsten Monaten mehr erreichen kann. Insofern freue ich mich über das stark verbesserte Konzept der Personalgewinnung im vergangenen Jahr. Es war wirklich eine tolle Leistung vom Team, das binnen kürzester Zeit 30 neue Leute einstellen konnte und es wäre schön, wenn sich das fortsetzt, sodass wir den Eltern Plätze anbieten können. Aber es gibt ja auch viele freie Träger in Haar und einige sind sehr gut aufgestellt, bei anderen hakt es noch. Es ist einfach generell zu wenig Personal da. Wir haben es letztes Jahr mit Ach und Krach und vereinten Kräften geschafft und werden es dieses Jahr auch schaffen. Umso wichtiger ist es, die Kindertagesstätten auf dem Weg zu bekommen. Für das kommende Kindergartenjahr ist leider noch mit Engpässen zu rechnen, dafür schaut es bei der Grundschule wieder gut aus.
> Wir haben ein paar Bürger gefragt, welche Fragen sie in diesem Gespräch stellen würden. Unter anderem blicken sie besorgt auf den wachsenden Druck von rechts.
Das Thema ist in Haar aufgrund seiner Historie sehr präsent, weil mal hier während der Zeit des Nationalsozialismus im wahrsten Sinne des Wortes Tatort war. Lange Zeit wurde das nicht nur nicht aufgearbeitet, sondern sogar aktiv blockiert. Heute ist das Thema hier sehr präsent, nicht zuletzt auch durch die intensiven Bemühungen der Klinik, hier vor allem durch den Vorstandsvorsitzenden des kbo, Franz Podechtl, aber auch den ärztlichen Direktor Peter Brieger oder den ehemaligen Bezirkstagspräsident Josef Mederer und den jetzigen Bezirkstagspräsidenten Thomas Schwarzenberger. Für alle ist es ein echtes Anliegen, Aufarbeitung stattfinden zu lassen. Persönlich finde ich immer wieder beeindruckend, wie sich das Schultheater des EMG damit auseinandersetzt. Das ist mittlerweile bekannt und überregional zu Recht gewürdigt. Genauso auch das Steingabionen-Projekt, das sich die Schüler der FOS überlegt hatten, für jedes ermordete Kind einen Stein. Im Jugendstilpark ist es so gelungen, einen zentralen und subtilen Gedenkort zu schaffen. Wer sich damit beschäftigen will, kann das tun, aber es ist kein übergroßes Mahnmal, das jeden, der dort wohnt, gebückt vorbeigehen lässt. Allerdings muss man auch sagen, dass der zunehmende Antisemitismus nicht nur aus der rechten Ecke, sondern verstärkt aus religiösen Spannungen herauskommt. Letztlich müssen wir uns damit auseinandersetzen, woher Antisemitismus oder Fremdenfeindlichkeit kommen, um damit umgehen zu können.
> In welchen Bereichen benötigen Sie als Bürgermeister Unterstützung durch die Bürger?
Es würde mich freuen, wenn unsere Bürger-App gut genutzt werden würde. Die meisten sind online in sozialen Medien, aber wir erreichen unsere Bürger oft nur partiell oder gar nicht. In der Bürger-App sind alle Informationen, die nur auf Haar gemünzt sind, wie Veranstaltungen oder Neuigkeiten. Vor allem können die Bürger die App als „kleinen Dienstweg“ nutzen und Mängel melden.
> Was wünschen Sie sich fürs kommende Jahr?
Ganz klar, die finanzielle Verbesserung für Haar. Wenn man allerdings in andere Ecken der Welt schaut, dann relativiert sich unsere Not schnell. Wir jammern auf sehr, sehr hohem Niveau. Natürlich muss man schauen, dass dieses Niveau bleibt und nicht absinkt, aber man muss sich manchmal bewusst machen, was man eigentlich hat. Die Stadterhebung ist vielleicht der richtige Zeitpunkt, um sich bewusst zu machen, was man alles erreicht hat. Es gilt nicht nur mit Sorgen nach vorne zu schauen, sondern mit frischem Mut die Dinge anzupacken.
Das Interview führten Heiko Schmidt und Manuela Praxl.