Beeindruckende Bilder: 100 Menschen gedenken 100 Minuten dem 100. Geburtstag von Sophie Scholl
HUNDERT – in Gedenken an Sophie Scholl
Es ist eine beeindruckende Vorführung, die es in die Hauptnachrichten der Fernsehsender ARD und ZDF schafft: 100 junge Menschen erinnern am 9. Mai mit einer Performance und Originalzitaten 100 Minuten lang an den 100. Geburtstag von Sophie Scholl. Ihre Bühne ist der geschichtsträchtige Königsplatz in München, vor den mächtigen Propyläen: „Wir denken sehr in Bildern und glauben daran, dass sie und Körpersprache ganz anders wirken können als eine rein intellektuelle Auseinandersetzung”, sagt Thomas Ritter, Lehrer für Theater und Deutsch am Ernst-Mach-Gymnasium. „Ich hatte im Vorfeld lediglich Bedenken wegen der Einsätze beim chorischen Sprechen. Beim Zoom konnten wir das nicht wirklich proben“, erzählt Darsteller Janik Riehm (15, 10. Klasse). „Die Umgebung und das kolossale Gebäude im Rücken, das Ausgesetztsein, hat uns alle inspiriert. Man fühlt sich ein bisschen verloren, passend zum Thema“, resümiert Ritter: „Als Wind aufkam und die zerrissenen Plakate, die Flugblätter darstellen sollen, quer über den Platz wehte, war es ein unbezahlbarer Effekt. Das kann man sich nicht besser wünschen.“
Hürden überwinden
Das Leben der Sophie Scholl steht in den verschiedenen Jahrgangsstufen immer wieder auf dem Stundenplan. Eine Kerngruppe von rund 20 Schülern zwischen 12 und 16 Jahren des Ernst-Mach-Gymnasiums (EMG) will sich schließlich mit der Widerstandskämpferin der Weißen Rose auf der Bühne auseinandersetzen, erklärt Ritter die Entstehungsgeschichte. „Wir hatten kein fertiges Konzept oder Stück. Wir versuchen immer, Bilder zu finden.“ Wegen der Pandemie ist vieles nicht möglich, die Truppe sucht dennoch nach dem „mutigsten Plan“, erläutert Ritter: „Meine Kollegin, Farina Simbeck, hatte dann die Idee mit der 100. Dazu haben wir mehr Leute gebraucht und so habe ich mein Netzwerk aus anderen Schulen angesprochen.“ Letztendlich arbeiten Gruppen aus etwa zehn Schulen und Studenten an dem Projekt: „Wegen der Thematik waren rund 90 Prozent Darstellerinnen dabei“, erklärt Ritter.
„Irgendwer muss eben irgendwann aufstehen und den Anfang machen. Denn wenn man denkt, dass es wahrscheinlich eh nichts bewirkt, kann sich nichts ändern, Man muss es einfach versuchen.“
Sophie Dehelean, Schülerin.
Nie wieder!
Über Monate setzen sich die Mitwirkenden mit dem Leben der couragierten und entschlossenen Studentin auseinander. „Mich inspiriert Sophie Scholl sehr, selbst mutiger zu handeln, die eigene Meinung zu vertreten und zu bilden. Sie stand zu ihren Taten, da kann man sich als Jugendlicher etwas abschauen“, sagt Darstellerin Valerie Lorenz (15, 10. Klasse). Gleichzeitig zweifelt sie: „Ich bin nicht sicher, ob wir das geschafft hätten. Sophie war nicht verfolgt, hätte das nicht machen müssen. Daher finde ich es so krass, den Mut aufzubringen und so intensiv zu kämpfen.“ Auch Sophie Dehelean (14, 8. Klasse) findet es interessant, wie Menschen unter Druck handeln: „Sie wusste, dass sie zum Tode verurteilt war. Es ist inspirierend, dass sie ihren Bruder und die Sache nicht im Stich gelassen hat.“ Estella Antinori (16, 10. Klasse) empört sich, wie manche Menschen die Pandemie mit der Situation in der NS-Zeit vergleichen: „Bei „Jana aus Kassel“ habe ich mich gefragt, was die überhaupt weiß. Es ist eine unglaubliche Ignoranz. Wir wissen, dass die heutige mit der damaligen Situation nichts zu tun hat.“ Estella sieht noch einen wichtigen Aspekt: „Sophie ist als Frau aufgestanden in einer Zeit, in der Gleichberechtigung noch ein Fremdwort war.“ Für Rhea ist die wichtigste „Message“, zu erinnern: „Wir müssen dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert. Leider gibt es überall auf der Welt, die sich solchem unmenschlichen Gedankengut immer noch annähern.“ Sophie stimmt zu: „Irgendwer muss eben irgendwann aufstehen und den Anfang machen. Denn wenn man denkt, dass es wahrscheinlich eh nichts bewirkt, kann sich nichts ändern. Man muss es einfach versuchen. Wir haben ein bisschen erreicht, das sieht man an den Reaktionen im Fernsehen. “
Sophie Dehelean, Rhea Köchy, Estella Antinori, Valerie Lorenz und Janik Riehm über ihre Auseinandersetzung zu Sophie Scholl
Nach dem Auftritt ist vor der nächsten Probe
Von Anfang an gefällt Theaterpädagoge Ritter, in welche Richtung die Jugendlichen ihre Gedanken und Brücken zu Sophie Scholl und der Weißen Rose in Worte fassen: „Vor allem haben sie es geschafft, und – das ist wirklich selten – es körperlich aufzunehmen, sie haben sich berühren lassen. Ich fand das faszinierend und glaube, dass der emotionale-körperlich gebundene Zugang, neben der faktenorientierten Informationsaufnahme, eine große Qualität des Schultheaters ist.“ Zukünftig will Thomas Ritter in dieser Art weiterarbeiten. „Für mich selbst nehme ich mit, angesichts der enormen Dimensionen, die das Projekt hatte, die Dinge einfach zu machen. Jetzt wollen wir ein Theaterstück darüber machen. Ich bin zuversichtlich, dass wir das in einem Jahr aufführen können.“
Für Sie berichtete Manuela Praxl.
Fotos: Janina Kufner